Meisterschülerin von Peter Redeker

Im floralen Dickicht vergangener Zeiten schwebt blassrosa eine frisch gestickte Wurst, während nebenan eine schwarze Hundesilhouette vor vollendeten Tatsachen klebt. Auch, wenn es nicht um die Wurst geht, beweist Vera Burmester ein vielseitiges Geschick im Umgang mit Materialien und Oberflächen, die sie im wahrsten Sinn des Wortes durchdringt und neu kreiert. So verschaffen gold- und bronze-perlende Perücken dem ewig jungen Zwieback-Baby ein zeitgenössisches Image und „Shoppy“ präsentiert bunt genähte, plüschig-wilde mobile-phones. Diese Ohrschmeichlerei besitzt hohen Objektreiz und verrät konzeptionelle Ansätze und Vorgehensweisen, die bereits in früheren Einzelobjekten, Multiples und Installationen der Künstlerin wirksam wurden.
Hightech-Phantasien und Virtualitäten trotzend bleibt Vera Burmesters Kunst ein haptisch-visuelles Vergnügen, selbst dann, wenn sich inmitten des Augenschmauses die Leidenschaft auf Pappkarton dunkelblau neutral gibt. Pointenreich blühen im Werk der Künstlerin Erzählstränge und Assoziationsketten, facettenreich wurzeln Mixturen von Bezüglichkeiten und Beziehungen.

 

 

Viel Freude am gut verpackten Hemd, 2005–2006
Mixed Media, Maße individuell

 

Vera Burmesters Fundus ist die Alltagswelt. In der hier präsentierten Mixed-Media-Arbeit nutzt die Künstlerin das Mind-Map-Prinzip. Mit gezieltem Blick fürs Detail und poetischer Aufmerksamkeit sammelt und verarbeitet sie dabei auch kulturelle Erinnerungsstücke der letzten Jahrzehnte, die auf Retro-Wellen durch Zeiten und Trödelmärkte reisen. Zum Einsatz kommen Tapeten- und Stoffmuster, Kinderspielzeug, Werbebilder und -slogans aus der „Heilen Welt“, sowie im Besonderen Buchillustrationen, die als Inspirationsquelle dienen und Wesenhaftes liefern. Zeichnungen, Objekte, Collagen sowie die eigenwilligen Modifikationen bilden spannungsreiche, neue Zusammenhänge.

 

 

Details: Kassette, Pappmachee, 10 x 7cm Hund mit Wurst, Pappmachee, 40 x 35 cm

 

Die innere Alchemie ist gestimmt: Analytische Beobachtungsgabe paart sich mit spielerischer Neugier auf der Basis von Humor und Poesie. Mit einer Prise Ironie versteht es die Künstlerin auch, das oberflächlich betrachtet zu schöne Erscheinungsbild hintergründig zu brechen. Schwarz auf weiß proklamiert ihr „Mut zum Achselhaar“ gegen den gängigen Körperkult und hinter-fragt sinnfällig ästhetische Praktiken und Prägungen. Dass diese auch in der Künstlerausbildung aktiv sind, versteht sich von selbst. Vera Burmester hat das System durchlaufen und eigene ästhetische Prinzipien entwickelt. Mit einem wissenden Augenzwinkern stellt sie uns als Meisterschülerin ihre Erfahrungen „Künstler werden Folge 1“ im knetbaren Kassettenformat zur Verfügung und arrangiert ihr Artist Super Gel als Zahnputzset. Wundermittel sind Mittel zum Wundern. Vera Burmester hält sie bereit und das macht Lust auf Folge 2.

Christiane Oppermann